• Heilt der Profisportler schneller?

    Im Durchschnitt ist ein Profifußballer nach einem Kreuzbandriss nach 239 Tagen wieder auf dem Platz. Der deutsche Nationalspieler Sami Khedira war gar sechs Monate später schon bei der Weltmeisterschaft. Der Hobbysportler braucht ungefähr doppelt so lange. Spiegelonline ging der Frage nach, ob es an der ärztlichen Betreuung liegt oder an einer unverantwortlichen Profitorientierung. Weil: Die Profis kehren immer früher zurück – die Wiederverletzungsrate steigt allerdings immens.

    Auf der Website Fußballverletzungen.com sammelt Fabian Siegel seit 2009 Daten. Dabei ergibt sich aus der Statistik: Fußballer waren 2009 noch doppelt so lange wie heute außer Gefecht gesetzt, dafür verletzten sich in den letzten sechs Jahren 22,5 Prozent der Bundesligaspieler mit einem Kreuzbandriss erneut. Antworten gab der Mannschaftsarzt des HSV, Götz Welsch und gibt dabei mehrere Gründe an.

    Zum einen sind Sofortmaßnahmen durch Physiotherapeuten vor Ort ein zentraler Faktor: Schnelle Kühlung und Kompression, dann zehn Minuten später ärztliche Untersuchung, gefolgt von einer Diagnosenabsicherung bereits nach drei Stunden durch die Kernspintomographie. Zwei Tage später ist ein Kreuzbandriss operiert. Zustände von denen ein normaler Kassenpatient nur träumen kann. Bei Hobbysportlern vergehen Wochen bis endlich operiert wird. Wertvolle Zeit! Die Rückkehr in den Sport erfolgt meist erst nach einem Jahr.

    Die Verantwortung hierfür tragen, laut Welsch, die Krankenkassen. „Das ist ein großes Problem, dass wir unseren Patienten nicht ausreichende Reha-Maßnahmen bieten können. So steigt die Gefahr einer erneuten Verletzung.“ Aber natürlich kann auch ein normal Arbeitender nicht so intensiv trainieren wie ein Profisportler. Trotzdem sieht Welsch die Krankenkassen in der Pflicht.

    Mediziner und Krankenkassen schieben sich den schwarzen Peter gegenseitig zu. Die Techniker Krankenkasse antwortete auf Nachfragen, dass der behandelnde Arzt für die Therapiefolge die Entscheidungen trifft. Bei „individueller Notwendigkeit“ könne der Mediziner auch höhere Therapiebedarfe verordnen. Es gäbe keine klar definierte Obergrenze.

    Ein weiterer, entscheidender Punkt laut Welsch für eine optimale Wiederherstellung sei das Vorgehen nach der Operation. Seine Patienten starten bereits nach einem Monat mit Krafttraining und Beweglichkeitsübungen. Je früher, desto weniger Verlust von Muskelmasse, das wiederum bedeutet einen höheren Ausgangswert bei Behandlungsstart. Ein Amateur, der erst nach einem Jahr mit dem Muskelaufbau beginnt, hat wertvolle Zeit verschenkt.

    Welsch gibt aber auch zu, dass auf ihm als Mannschaftsarzt ein enormer Druck laste, da das Interesse des Vereins an der schnellen Rückkehr des Spielers zu Kompromissen zwinge. Beim Kreuzbandriss geht es aber um viel, weil ein instabiles Knie das Aus bedeuten kann. Kleinere Verletzungen wie Bänderrisse im Sprunggelenk kann er nach zwei Wochen schon wieder spielen lassen, Amateure sind im Vergleich sechs Wochen raus aus dem Sport.

    Die hohe Wiederverletzungsrate führt der Mannschaftsarzt auf die gestiegene Kilometerzahl eines Spielers zurück. Die sei deutlich höher als noch vor zehn Jahren. Das leuchtet natürlich ein, aber die Frage ist, was er sonst hätte antworten sollen. Dass wegen Sieg- und Profiterwartung die Spieler vom Arzt zu früh eingesetzt werden? Das scheint ein großes Berufsrisiko beim Profisport und schwebt als Frage weiterhin im Raum. Vielleicht ist das ein kleiner Trost für alle „unterversorgten Normalverletzte“.

    Ul.Ma. / physio.de

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